Vom Amoklauf der Dinge

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Ein Ex-Schüler stürmt in seine ehemalige Schule, entlädt Wut und Waffe an Unschuldigen und zieht tötend durch die Straßen. Schlimme Sache in der Beileidsworte als hohle Phrasen verpuffen und Sprachlosigkeit mit vielen Worten bekundet wird. Verständnis gibt es in dieser Situation nicht, aber die Suche nach dem Verstehen beginnt direkt. Und wie die Suche beginnt, mit viel Geschrei, ein großer Medienmob der brennende Fackeln in alle Richtungen schwenkt und alles beleuchtet. Jeder darf dann mal eine Fackel schwenken, manche sind halt größer als andere und werden eher gesehen.

Womit fängt man an? Wahrscheinlich mit dem Täter. Er war ein ehemaliger Schüler der den Druck seiner Umwelt nicht aushalten konnte und, um den Elefanten im Wohnzimmer mal zu nennen, auch nicht alle frisch gehabt haben kann. Die zusammengetragene Korrespondenz besagt derzeit folgende Buzzworteigenschaften (in zufälliger Reihenfolge): Ruhig, introvertiert, wenig Freunde, kein nennenswerter Kontakt mit Mädchen, finanziell stabiles Elternhaus, waffenliebhabender Vater, unterdrückte Aggressionen, in Therapie wegen Depressionen, starker Computernutzer, trainierter Schütze. Alles Einflüsse, alles Faktoren. Aber die Stimmung schwenkt leicht um: Da wird aus dem Täter das Opfer gemacht. Ein genauso fundamentaler Fehler als wenn man den Täter zum Monster hochstilisiert. Er ist weder Monster noch Opfer, nur eins war er nicht: gesund.

Die Gefahr, dass bei der Umweltanalyse nun Tim K. nicht als Täter sondern als wehrlose Müllhalde der bösen Gesellschaft zu sehen ist, die ja der wahre Täter sei, liegt auf der Hand. Da wird dem Idioten, der tatsächlich den Abzug gedrückt hat, auch noch recht gegeben, und anderen Idioten mit ähnlichen Gedanken das zustimmende Kopfnicken auf dem Silbertablett serviert. Wie sollen wir denn zukünftigen Amokläufern ihre Motivation nehmen wenn wir sie auch noch schüren? Jordan sagte es bereits klipp, klar und ungefiltert deutlich: Amokläufer sind erbärmliche, labile Versager – und dieses Statement muss die Presse in dieser Form wiedergeben. Solange Amokläufer als Opfer betätschelt werden und man so Platz lässt um sie als Märtyrer und Individualistenhelden in den einschlägigen Szenen aufzupäppeln ist der Wunsch nach Nachahmung unvermeidlich. Ächtung und Spott würden mehr helfen um solcherlei Pack von ihrer verkorksten Amokheroik abzubringen. Wer nicht als gemobbter, bemitleidenswerter Rächer in die Medien eingehen wird sondern als erbärmlicher, zu verachtender Hirnkranker, der wird sich seine geilen Rachepläne wohl eher zweimal überlegen.

Es handelt sich um einen Jungen, geistig sicherlich mit verminderter Verarbeitungsleistung. Der Kerl hat in seinem Leben nichts geschafft und auch nichts ausgehalten. Wenn ein Mann in den silbernen Jahren seines Lebens mit einer Million Dollar Schulden, frisch verlassen von seiner Frau und ohne Aussicht auf Zukunft sich das Leben nimmt – das ist vielleicht ein Grund. Aber doch kein Teenager aus behüteten Verhältnissen weil keiner mit ihm spielen will und er noch kein Mädchen geküsst hat. Es gibt viele Schüler, die gemobbt oder getrietzt werden, die sich abschotten und verschlossen sind, die mit einigen Lehrern nicht klarkommen. Aber diese erfahren es als Persönlichkeitsbildung der Teenagerzeit. Sie besitzen den normalen Sicherheitsschieber zwischen Teenage-Depression und dem soziopathischen Wunsch, sich und das Leben nicht involvierter anderer zu beenden.

Jetzt werden natürlich wieder die üblichen Symptome zum Rumdoktoren herangezogen, während der Elefant auf dem Kaffeetisch sitzt – nämlich, dass der Täter psychisch labil war und definitiv nicht die 9 gerade hatte. Es werden dann alle Umweltfaktoren mit ernsten Stirnfalten mit Schuld und Verantwortung überzogen. Lehrer, die neuerdings auch psychiatrische Analysten und Seelsorger sein sollen (neben Erziehern, Pädagogen, Wissensvermittlern, Kumpeltypen, Arbeitstieren und unterbezahlt), Eltern, die ihre Kinder auf autoritäre Weise anti-autoritär erziehen sollen, aber bitte mit viel Liebe und der nötigen Distanz, dem Internet (Hah, das ist ein eigener Absatz wert), Horrorfilme, Schützenvereine, Tischtennis nicht zu vergessen, Computerspiele.

Beim Kompilieren all dieser Informationen, die im wahnwitzigen Tempo über alle Medienkanäle ansausen, gilt Eile mit Weile nichts mehr. Da muss rausgehauen werden, was ankommt. Twitter-User bekommen ihre 15 Minuten Ruhm obwohl sie es nicht wollen, Journalisten strafen nebenbei Twitter als den Pöbel ohne Informationsanspruch ab und widersprechen sich dabei gleichzeitig, da werden wichtige Informationen eingebracht wie beim Tagesspiegel:

Der Amokläufer Tim K. war als Kind offenbar beliebt und sportlich begabt. “Hier ist er als netter und guter Tischtennisspieler in Erinnerung”, sagte die Vorsitzende des TSV Leutenbach, Eva Sebele, Tagesspiegel.de. Tim K. wird auf der Homepage des Vereins erwähnt, in der “Bezirksrangliste” des Jahres 2001 der Abteilung Tischtennis stand er in der Kategorie Schüler B 2 auf Platz 1. Später habe Tim K. den Verein gewechselt, sagte Sebele. Es sei “völlig unverständlich, dass der morgens aus dem Haus geht und Leute erschießt”. Der Ort stehe unter Schock, “bei uns ruht alles, das ist fürchterlich”.

Na herzlichen Dank, die Information ist bestimmt wichtig. Ebenso wie das Ausschließen eines “rechtsextremen Motivs” in dem Artikel. Hauptsache wir haben es mal erwähnt. Meiner Meinung nach kann man auch einen Zusammenhang mit dem Tibet-Jubiläum ausschließen. Derlei Patzer und Anstrengungen um als Zeitung auf dem neuesten Stand zu bleiben sind aber nichts gegen das Stückchen Information, das derzeit in vollem Ausmaß von Medien, Lesern, Polizei und auch dem Herrn Innenminister verwendet wird: Angeblich soll Tim K. seine Tat zuvor auf dem Imageboard KrautChan angekündigt haben. Hier das fragliche Stück als natürlich vollkommen unanzweifelbarer Screenshot aus dem SPIEGEL ONLINE Artikel:

Innenminister Rech hat dieses Beweisstück gleich mal auf einer Pressekonferenz als heiße News verwendet. Fettnäpfchen, ich hör dir tapsen. Während die hehren Journalisten und Polizei stolz mit dem Fund herummarschieren nimmt der Pöbel den Fund Stück für Stück auseinander. Erstens ist es eine Fälschung, weil: Jeder inzwischen mit Photoshop umgehen kann und der Originalthread dieser hier ist:

Ist es trotz allem wahr verlange ich mehr als einen Screenshot. Aber man braucht ja nicht mehr, um etwas Schuld herumzutragen. So nutzt wieder jeder das Geschehen als Plattform für seine Platitüden – die Politik passend zum Wahljahr, die Webgemeinde um pauschalisierend die Pauschalisierung anzukreiden, die Medien um ihr hohes Ross zu tätscheln. Auf den Punkt gebracht.

Written by Boldor

März 12th, 2009 at 6:45 pm

Posted in Surrealität

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5 Responses to 'Vom Amoklauf der Dinge'

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  1. Bester Artikel zum Geschehen. Gehört (nach kleinen Modifikationen, damit das gemeine Fußvolk es auch versteht) in großen Zeitungen abgedruckt.

    coffeejunk

    12 Mrz 09 at 21:54

  2. [...] Grund, warum ich das Thema ein weiteres Mal aufgreife, ist der Boldors Artikel – einer der besten, die ich dazu bisher gelesen habe. Womit fängt man an? Wahrscheinlich mit dem [...]

  3. Bin übrigens beleidigt, du hattest mir mindestens ein “Auch zu finden bei” versprochen, jawohl!

    :(

    Sputator

    12 Mrz 09 at 22:01

  4. Krautchan hat inzwischen auf der Startseite auch den Screenshot sowie einen Link zu dem Google Cache-Eintrag vom Original stehen.

    http://www.krautchan.net

    Boldor

    12 Mrz 09 at 22:16

  5. [...] halte ich mich kurz, “das letzte Mal” habe ich ja recht ausgeholt was meine Meinung zur Opferisierung des Täters ist. Zum einen scheint Amoklaufen nicht mehr so wirklich interessant [...]

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